Der erste Tag - Anja Zandt (8. Teil)

Anja schien es, als würde in der Agentur nun niemand mehr arbeiten. Die Grafiker und Grafikerinnen, die Webdesigner und ihre weiblichen Pendants, die Programmierinnen und ihre männlichen Kollegen, ganze Teams von Media-Beratern standen auf den Gängen und diskutierten. Eine Atmosphäre freudiger Erregung lag über der Firma. Und je mehr Freude sie sah, um so mehr fühlte sich Anja müde, unendlich müde.

Die Wut, die aus dieser Müdigkeit heraus plötzlich in ihr hoch stieg, war wie ein letztes Aufbäumen. Sie schrie die nächststehende Gruppe an. „Habt ihr nichts zu tun? Geht an eure Arbeit! Ich glaube, es geht los!“

„Wenn es erst einen Betriebsrat gibt, hast du hier gar nichts mehr zu sagen“, wurde ihr entgegnet. Das war zu viel! Sie fühlte plötzlich, wie ihr Hass entgegenschlug. Wie ein heftiger Donnerschlag brach die Erkenntnis über sie herein, dass sie mehrheitlich gehasst wurde. Schon lange, wahrscheinlich schon immer. Für den Moment dieser Erkenntnis setzte ihr Herz aus, um mit einem heftigen Schmerz im nächsten Moment wieder einzusetzen und sie weiter am Leben zu erhalten, das ihr plötzlich sinnlos, leer und ausschließlich leidvoll erschien. Tränen rollten ihr über die Wange.

Sie schloss sich auf der Toilette ein. Niemand sollte gegönnt sein, sie so zu sehen, schließlich waren die Tränen echt und nicht von ihr inszeniert, um einen Zweck zu erreichen.

„Konnte man die drei nicht einfach entlassen, dann wäre alles wie früher“, überlegte sie. „Man müsste sie einfach rauswerfen.“ Mit dieser Idee würde sie nachher zu Roland und Werner Tietz gehen. Einfach raus; fertig, aus, vorbei. All die in den letzten Minuten gefühlten Empfindungen wären hinfällig.

Sie würde mit Sebastian sprechen, sie würden etwas anzetteln, das die Betriebsversammlung verhindert. Sebastian würde ihr helfen, da war sie sicher. Falls er sich weigerte, würde sie mit ihm schlafen. Dann könnte er nicht mehr anders, schon weil er nicht wollte, dass es seine Freundin Christina erfährt. Aber so weit würde es nicht kommen. Sebastian wusste, zu wem er halten musste. Es musste noch andere geben, die gegen einen Betriebsrat waren. Die blöde Kuh von Sabine Krautmann. Genau! Die war so hinter Roland her, die konnte nicht für einen Betriebsrat sein.

Langsam bekam etwas Gestalt, was Anja niemals Intrige genannt hätte. Es war lediglich eine Taktik, eine Strategie, die mit geeigneten Mitteln versuchte, ihre und Rolands Interessen zu wahren. Über diese Gedanken beruhigte sie sich, Hoffnung stieg in ihr auf, wodurch die eben erlangte Erkenntnis vertrieben wurde. Sie trocknete sich das Gesicht, sah in den Spiegel, befand das Gesehene für gut und verließ die Toilette.

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