Der erste Tag - Anja Zandt (9. Teil)

Mit noch etwas verwässerten Augen, aber einem Lächeln im Gesicht ging Anja zurück in ihr Büro. Sie wusste, was zu tun war. Sie würde kämpfen, mit allen Mitteln. Gemeinsam mit Roland und einer Koalition der Willigen, die noch zusammenzustellen war. Betriebsrat, so ein Quatsch!

In der Türrahmung ihres Büros stand Karin und unterhielt sich mit einer Kollegin. Das Thema war offensichtlich, ob sie zur Betriebsversammlung gehen würden. Es war beiden eine Selbstverständlichkeit, schließlich war es ihr gutes Recht. In ihrem aufgeregten Palaver, war das der erkennbare Konsens. Endlich hatten es drei Kollegen gewagt, die Initiative zu ergreifen. Der Schritt war schon längst überfällig. Es war wie eine Revolution, ein Schlag der Befreiung. Einfach nur geil!

„Es wird keine Betriebsversammlung geben. Geht zurück an eure Arbeit.“ Diesmal schrie Anja nicht, sondern stellte mit überlegenem Lächeln eine Tatsache fest, die allerdings noch zu schaffen war. Dieses Mal war die Reaktion anders. Anja sah, wie sich Irritation im Gesichtsausdruck Karins einschlich.

„Warum nicht?“, wollte sie wissen.

„Weil wir hier nicht eine x-beliebige Firma sind. Wir brauchen so etwas nicht. Es ist nur Zeitverschwendung. Geh jetzt an deine Arbeit. Los!“

Karins Stimmung kippte, denn sie ließ sich von den zwar haltlosen aber souverän vorgetragenen Argumenten Anjas beeindrucken. Sie verschwand im Büro.

„Warum bist du gegen einen Betriebsrat?“, wollte Karin von Anja wissen, „In anderen Firmen gibt es auch einen.“

„Andere Firmen sind andere Firmen“, stellte Anja fest. „Was soll hier ein Betriebsrat? Roland ist der Chef. Wenn es ein Problem gibt, dann rede mit ihm. Der sagt dir dann, was du machen sollst.“

„Ja, schon. Aber … „

„Was ‚aber’? Da gibt es kein Aber. So war es schon immer und so wird es auch bleiben.“

Inzwischen war Sebastian ins Büro zurückgekehrt. Anja wandte sich an ihn.

„Und was ist deine Meinung? Brauchen wir hier einen Betriebsrat?“

Unmittelbar war Sebastian klar, auf welche Seite er sich zu schlagen hatte. Schließlich genoss er hier gewisse Privilegien, die er nicht verlieren wollte.

„Nein, brauchen wir nicht. Wozu sollte sowas gut sein? So etwas schafft nur Probleme, wo keine sind.“

„Siehst du“, sagte Anja zu Karin. „Niemand in der Firma will so etwas. Deswegen wird es auch keine Betriebsversammlung geben. Schalte jetzt deine Anzeigen. Dafür bist du eingestellt worden und nicht, um dich auf Betriebsversammlungen rumzutreiben.“

Karin schluckte ihren Ärger erneut runter. Sie war sich unsicher geworden. Konnte die Betriebsversammlung verhindert werden? In ihrer Ausbildung hatte sie an der Berufsschule etwas anderes gelernt. Aber richtig sicher war sie sich nicht. Sie würde nach Feierabend mit Kollegen sprechen. Jetzt war es wahrscheinlich erst mal besser, nicht zu widersprechen.

Anja überdachte das Gespräch. Dieses Nachdenken versetzte sie wieder in gehobene Stimmung. In Sebastian hatte sie einen ersten Verbündeten gefunden und Karin war sichtlich irritiert. Anja überlegte, wie sie weiter vorgehen sollte, denn Vieles musste gleich heute noch besprochen und organisiert werden.

„Du, Sebastian. Ich habe unglaubliche Kopfschmerzen von dem ganzen Scheiß. Kannst du mich nach Hause fahren? Allein schaffe ich das nicht mehr.“

Es war Sebastian ein Vergnügen, Anja zu begleiten.

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