Wie früher in der DDR

Wenn man, wie ich, in zentraler Lage wohnt, hat man es nie weit. Zumindest nicht, wenn sich die zentrale Lage in einer mittelgroßen deutschen Großstadt befindet. In wirklichen Metropolen ist das anders, aber weil in Deutschland einstmals Hinz und Kunz König sein wollte, sind wir von richtigen Metropolen weitgehend verschont geblieben.

Ich habe mal einige Zeit in einer gewohnt, mit dem Ergebnis, dies nicht mehr für erstrebenswert zu halten. Es geht einem ganz schön auf den Sack, wenn man, um einen Baum oder Strauch zu sehen, sich erst mal vier Stunden durch verstopfte Straßen quälen muss. Verzichtet man aus Faulheit aber auf die Inaugenscheinnahme von Natur, geht einem alles noch mehr auf den Sack. Irgendwie brauche ich von Zeit zu Zeit Fauna und Flora, wobei der Schwerpunkt auf der Flora liegt, denn die Fauna kann manchmal ganz schön gefährlich werden. Flora ist dagegen meist liebreizend, es sei denn, man isst etwas, das man nicht kennt. Das kann nach hinten losgehen.

Doch zurück in meine kleine Winzmetropole deutscher Ausprägung, die ich zentral bewohne. Alles ist hier mit dem Fahrrad, viel zu Fuß zu erreichen. Ich brauche kein Auto, es wäre eher eine Last, denn ein Vergnügen. Das ist auch gut so, denn ich fürchte mich vor dem Zorn der nachfolgenden Generation auf die heutigen Autofahrer, welche im Namen der Generationengerechtigkeit eine ressourcenarme und schön warme Welt hinterlassen werden, weil sie Leistungsträger sein mussten, dies ohne Auto aber nicht sein konnten.

Doch die nachfolgenden Generationsschnösel sollen von mir aus die Höchststrafe für ehemalige ADAC-Mitglieder fordern und alle als vormalige Autofahrer bekannte Greise auf der Straße bespucken. Mir wird das egal sein, denn ich hatte ja kein Auto und habe daher ein reines Gewissen.

Mein Bäcker ist an der Ecke, die Quellen für Bier sind hier zahlreich gestreut, an Feinkost ist kein Mangel. Ich kann mir jederzeit Schuhe kaufen, auch Taschen und Parfüm, was ich allerdings meist nicht will.

Auch wenn ich mal ein Handy brauche, dann kann ich mir jederzeit eines besorgen. Ob mit Vertrag, ob ohne, scheißegal! In meiner Fußgängerzone um die Ecke gibt es auf 150 Metern sieben Handyläden. Es gibt drei Mal H&M, drei riesengroße Parfümerien plus zwei große Parfümerie-Abteilungen in zwei riesengroßen Kaufhäusern, in denen man auch Handys bekommt. Auch wenn ich mal eine Spielkonsole bräuchte gibt es hier mehr als nur einen Anbieter, und jeder verfügt über eine große Auswahl unterschiedlicher Modelle. Und selbst für glitzerndes, funkelnd geschliffenes Glas, das man früher dazu verwendet hat, Ureinwohner in fernen Ländern und Kontinenten um ihr Land zu bescheißen, finden sich hier gleich mehrere Ladenlokale, die, alle Kontinente sind inzwischen erschlossen und die Ureinwohner dezimiert, nun neue Abnehmer für den überteuerten Glitzerkram suchen.

Ein kleines Problem gibt es hier in meiner kleinen Großstadtidylle allerdings doch. Wenn man mal keinen Bock auf Feinkost hat, dann muss man sich aufs Fahrrad setzen und zu Aldi radeln. Es gibt hier nämlich alles, nur nichts, was man im Alltag braucht. Vor einiger Zeit noch war das ein bisschen anders, inzwischen dominieren allerdings die Handelsketten die Einkaufsmeile mit ihrem immer gleichen Angebot.

Das erstaunliche ist, dass das nicht nur in meiner Fußgängerzone so ist. Jede Fußgängerzone der Republik sieht inzwischen genauso aus wie meine. Mal kommt C&A vor H&M mal danach. Mal liegt Douglas rechts neben Kaufhof, mal links. In diesen Details unterscheiden sich deutsche Innenstädte, ansonsten sind sie gleich. Eigentlich schon recht trist, oder?

Selbst wenn ich Geld hätte, würde mir hier die Lust auf Konsum vergehen. Ich kann mir doch nicht jeden Tag drei Hosen und ein Handy kaufen, um mir anschließend Parfum und Body-Lotion zuzulegen.

Die Konsumverlockungen der schönen neuen Warenwelt halten sich also ziemlich in Grenzen. Im Gegenteil scheint es mir, als ob die Produktpalette im Gegensatz zu den Versprechungen der Verfechter der Theorien des freien Marktes dank der Zentrierung auf wenige große Konzerne immer weiter abnehmen würde, da die Konkurrenz das Geschäft eben nicht belebt, sondern ab einer gewissen Größe nur Vielfalt abtötet.

Irgendwann wird es dann dank freier Marktwirtschaft so sein wie es früher angeblich nur im realexistierenden Sozialismus war: Es gibt nur wenige Produkte. Und für den Erwerb musste man Schlange stehen. Dass diese Prognose nicht ganz falsch ist, beweist die privatisierte Postfiliale im Kaufhaus gegenüber. Da muss man nämlich auch immer Schlange stehen. Und das ziemlich lange. Zwanzig Minuten sind keine Seltenheit. Personalkosten schmälern nämlich Aktionärsgewinn.

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