Der zweite Tag - Sebastian Markus (2. Teil)
Da Christina für eine Firma arbeitete, die auf dem Weg zur Werbeagentur lag, fuhren sie zusammen zur Arbeit. Schweigend. Kurz vor der Bushaltestelle, an der Sebastian Christina gewöhnlich aus dem Auto steigen ließ, fragte sie, ob es heute Abend auch wieder später werden würde.
„Ich weiß es noch nicht. Wir sind da an einem ganz großen Projekt dran.“
„Schreib mir eine SMS, wenn du es weißt, oder ruf mich kurz an. Gestern habe ich fast eine Stunde gewartet.“
„Wenn ich so einen Sekretärinnenjob hätte, wie du, wäre ich auch froh. Da könnte ich jeden Tag um Punkt fünf den Bleistift fallen lassen. Hast du eigentlich schon mitgekriegt, dass ich in der Werbung arbeite? Das ist ein Stressjob!“
„Ich meine ja nur …“
„Du musst mal kapieren, dass du nichts zu meinen hast. Ich ziehe da gerade ein ganz großes Ding an Land, einen ganz großen Fisch und du meckerst hier rum und meinst irgendwas. Es geht um die komplette Werbung für Finest-Gold-Tabledance. Sechs geile Locations in sechs geilen Städten, alles ganz groß aufgemacht, megageile Weiber, bester Service; ein Haufen Kohle ist da drin. Die haben einen riesen Etat. Und du erzählst hier was von fünf Uhr Feierabend. So, wir sind da!“
„Rufst du mich an, wenn es später wird?“
„Du wirst schon merken, wenn ich nicht komme. Mann! Dass du immer Stress machen musst.“
Nachdem Christina aus dem Wagen gestiegen war, überdachte Sebastian durch den kleinen Dialog angeregt einen Moment seine Position in der Firma. Er war sicherlich einer der wichtigsten Mitarbeiter, denn er holte die großen Etats. Er hatte das Auftreten, dass es brauchte, um Bordellbetreiber, Saunaclubinhaber und Tabledance-Unternehmen die Kohle aus der Tasche zu ziehen.
Er fädelte sich in den Verkehr ein, beschleunigte schnell und wechselte die Fahrbahn. Er fuhr gerne schnell, fuhr gerne dicht auf, bremste hart ab. Es fühlte sich dann männlich.
Demnächst wäre ein Gespräch mit Roland fällig. Der musste mal mehr Geld rüberschieben. Er machte die Drecksarbeit ja nicht für umsonst. Sebastian wollte auch seinen Anteil haben, seinen gerechten Anteil, wohlgemerkt. Das, was ihm analog zu der herausragenden Leistung die er brachte, zustand.
„Du Dreckstürke! Was ziehst du hier auf meine Spur rüber!“ Durch die Ereignisse im Verkehr wurde Sebastian gezwungen, den Fluss seiner Gedanken zu unterbrechen.
„Verpiss dich von meiner Fahrbahn! … Am besten gehst du dahin zurück, wo du hergekommen bist, du dreckiger Hurensohn!“
Der Wagen vor ihm setzte den Blinker und verließ Sebastians Spur. Sebastian zog vorbei. Im anderen Wagen saß offensichtlich weder ein Mann noch jemand türkischer Herkunft. Die Insassin sah eher nach fußballbegeisterter, deutscher Lesbe aus. Sebastian ließ sich durch diese Fakten nicht davon abhalten, sich in seiner Haltung zu migrationspolitischen Themen durch das eben durchlebte Ereignis bestätigt zu sehen.