Der zweite Tag - Sebastian Markus (3. Teil)

Als Sebastian ist Büro kam, war Anja schon da. Er war gleich doppelt überrascht, denn normalerweise kam Anja deutlich später als alle anderen. Ein Privileg, das ihr aus der körperlichen Nähe zur Firmenspitze erwuchs. Die zweite Überraschung war Anjas Unterhaltung mit Sabine Krautmann. Sebastian bemerkte einen ganz neuen Ton, der zwischen den beiden herrschte, und konnte nicht ganz einordnen, was er davon halten sollte. Von „Schatzilein“ war da die Rede, von „meine Liebe“ und „Freundin“. Zwar hatte Anja diese Worte schon häufiger für die Anrede Sabines benutzt, doch früher klangen sie eher spitz und ironisch. Heute hatten sie eine weiche, beinahe aufrichtige Tönung des Respektes und der Verbundenheit angenommen.

Sabine freute sich sichtlich über ihren neuen Status in der Firma und gab die ganze Sanftmut, die ihr nun entgegengebracht wurde, mit voller Verve zurück. Es war, als wollten die beiden sich gegenseitig in ihrer Anerkennung und Wertschätzung übertrumpfen.

Anja richtete das Wort an Sebastian: „Hat der Herr auch schon ausgeschlafen? Du bist aber spät dran!“

Sebastian sah auf die Uhr. Er war pünktlich und wollte das sagen. Doch Anja unterbrach ihn.

„Sabine ist mit im Boot! Ist das nicht klasse? Wir sind also schon zu dritt.“

„Mit im Boot? Wovon sprichst du?“

„Na von unserer Aktion gegen den Betriebsrat. Dummerchen! Hast du schon alles vergessen, was wir gestern besprochen haben?“

Sebastian konnte sich an den gestrigen Abend ziemlich genau erinnern, hatte er ihn doch am Morgen unter der Dusche nochmals ausführlich Revue passieren lassen, um sich einen runter zu holen. Irgendwelche Abmachungen waren jedoch kein Teil seiner Erinnerung. Zudem hatte er ja geplant, die Gründung eines Betriebsrates zu unterstützen, schon allein, weil es Roland demütigen würde. OK, er hatte gestern in einer bestimmten Situation gesagt, ein Betriebsrat wäre nicht gut, aber eine Abmachung war das nicht.

„Wir müssen jetzt ganz gezielt vorgehen“, meinte Anja. „Sabine will rausfinden, wie man die drei rauswerfen kann, die diese dämliche Einladung rumgeschickt haben. Wir müssen mit den Kollegen sprechen und sie davon abhalten, auf die Betriebsversammlung zu gehen.“

„Ich muss heute aber zu Cosmos-FKK und die Gestaltungsvorschläge für die Webseite präsentieren.“

„Das kannst du vergessen. Betriebsrat hat oberste Priorität. Der muss verhindert werden, sonst ist die Firma bankrott.“

„Wieso bankrott?“

„Weil Roland die Firma verkauft, wenn es hier einen Betriebsrat gibt. Das hat er mir gestern gesagt. Das müssen wir verhindern.“

Die Situation, in der sich Sebastian plötzlich befand, erzeugte in ihm genau das gegenteilige Gefühl, das er hatte, wenn er mit seinem Auto kräftig beschleunigte, dicht auffuhr und hart abbremste. Es war, als wäre ihm sein Ich abhanden gekommen. Sebastian fühlte sich eingesperrt, unfrei, kastriert.

„Steh hier nicht rum! Wir müssen zu Roland. Wir treffen uns da gleich mit dem Tietz und besprechen das weitere Vorgehen.“

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