Der zweite Tag - Sebastian Markus (4. Teil)

Sebastian saß mit Anja, Sabine und Werner Tietz in Rolands Büro. Werner Tietz hatte gerade auf die Anweisung Rolands, die drei zu kündigen, die zur Betriebsversammlung eingeladen hatten, geantwortet, dass dies nicht so einfach ginge.

Alle versuchten, ein möglichst betroffenes Gesicht zu machen, denn Roland konnte diesen Affront der deutschen Gesetze gegen ihn und seine Firma nicht fassen. Es war eine Unverschämtheit! „Ich will Ideen hören, wie wir das Problem beseitigen!“ Roland hämmerte jedes Wort untermauernd mit der Faust auf den Tisch.

Sebastian dachte sich, was Roland doch für eine arme Sau sei, und wünschte sich, er könnte die Gründung eines Betriebsrates vorantreiben.

„Lass die doch einfach machen“, schlug er vor. „Das wird doch sowieso nichts. In drei Wochen ist das alles vergessen.“

„Du hast sie wohl nicht mehr alle!“ Roland warf mit einer Schachtel Büroklammern nach Sebastian, die seinen Kopf nur knapp verfehlte. Durch den Aufprall an der Wand hinter Sebastians Kopf öffnete sich die Schachtel. Eine große Zahl Büroklammern verteilte sich auf dem Boden.

Sebastian war bemüht, ruhig zu bleiben. Jedem anderen hätte er jetzt die Fresse poliert. Sabine ging auf die Knie und fing an, die Büroklammern einzusammeln. Sebastian fühlte Verachtung in sich aufsteigen. Er wusste allerdings nicht, gegen wen sich dieses Gefühl richtete.

„Ich muss absolut sicher gehen, dass es hier keinen Betriebsrat gibt! Ist euch das klar!“ Roland war völlig außer sich. „Das ist eine kreative, dynamische Firma. Ich lass mir doch von einem Betriebsrat nichts vorschreiben. Was meint ihr eigentlich, was so ein Betriebsrat kostet? Zehntausende! Und wovon soll ich das bezahlen? Sebastian! Erklär mir das mal bitte. Soll ich dein Gehalt kürzen und damit den Betriebsrat finanzieren? Keine schlechte Idee eigentlich, du hast in letzter Zeit ohnehin stark nachgelassen. Also wenn du weiter von mir durchgefüttert werden willst, obwohl deine Leistung nicht stimmt, dann sorg dafür, dass es keine Betriebsversammlung gibt. Hast du kapiert?“

Adrenalin schoss in Sebastians Blutbahn. Er hatte kapiert. Die Angelegenheit war weitaus ernster, als er angenommen hatte. „Dem geht der Arsch auf Grundeis!“, dachte Sebastian.

Es gab einen Moment des Schweigens. Dann fing Roland an zu erklären, was passieren würde, wenn es hier einen Betriebsrat gäbe. Es wäre das Ende der Firma. Der Betriebsrat würde alles dominieren. Es wären Zustände wie man sie aus der DDR und der Sowjetunion kannte. Wirtschaftlich völliger Stillstand. Es wäre das Aus für Kreativität und Dynamik, vor allem aber wäre es vorbei mit Lohnerhöhungen und Boni. Wenn es einen Betriebsrat gäbe, würde Roland alles hinwerfen. Er würde an den Nächstbesten verkaufen.

Schweigen.

Werner Tietz richtete das Wort erneut an Roland. „Wir können die drei natürlich unter Beobachtung halten. Psychologisch Druck ausüben und jeden Fehler abmahnen.“

„Sehr gut! Macht sie fertig. Wir werden etwas umstrukturieren müssen. Anja, Sabine und Sebastian, ihr zieht um. Jeder in ein anderes Büro. Jeder von euch bekommt einen von den dreien, die zur Betriebsversammlung eingeladen haben, ins Büro gesetzt. Ihr lasst alle andere Arbeit sein und überwacht nur, was die drei machen. Jeder Fehler, jedes Kommunikation, alles wir mir sofort gemeldet. Ich will die noch vor Ablauf der Woche aus der Firma haben. Ist das klar? Wenn es hier einen Betriebsrat gibt, verkauf ich die Firma und schmeiße vorher alles raus! Verstanden!“

Alle nickten zustimmend. „Jetzt raus! Ich will Ergebnisse sehen!“

Auf Weg zurück in sein Büro machte Sebastian einen kleinen Umweg. Er wollte eine Zigarette rauchen und ging vor die Tür. Er wog ab, wälzte Gedanken hin und her, dachte an seine Position in der Firma und an Roland. Vier Leute, die sich entschlossen hatten, mit Roland für die Firma zu kämpfen. Gegen Arbeitsplatzabbau und für das Wohl aller. Sebastian fühlte sich plötzlich erhaben. Es war richtig, sich auf Rolands Seite zu schlagen. Außerdem schien ihm die neue Aufgabe spannend. Es hatte was von Detektiv und Spion. Er würde die drei zur Strecke bringen, da war sich Sebastian sicher. Er fühlte sich plötzlich einem inneren Kreis zugehörig, er war eingeweiht, ein Ritter der unternehmerischen Freiheit. Sebastian fand es nun bewundernswert, wie sehr Roland seine Firma im Interesse der Angestellten verteidigte. Wenn ein Betriebsrat wirklich so teuer war und er derart viele Befugnisse hatte, war es wohl auch besser, keinen zu haben. Sebastian hatte sich fest entschlossen, für die Verhinderung des Betriebsrates zu kämpfen. Mit allen Mitteln.

Hinterlasse eine Antwort

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar zu schreiben.