Der zweite Tag - Sebastian Markus (5. Teil)
Als er in sein Büro kam, telefonierte Karin Hunger wie gewohnt mit Kunden.
Sebastian packte seine Sachen. Viel war nicht zu tun. Ein paar Kugelschreiber und einen Textmarker steckte Sebastian in seine Hosentaschen. Ein Rollcontainer, dessen Inhalt überwiegend aus zerlesenen Ausgaben von Happy Weekend und anderen Kontaktanzeigenblättern bestand, war zum Lift und von dort eine Etage tiefer in ein Büro zu rollen. Damit war der Umzug auch schon erledigt. Die IT würde Telefon und Netzwerk umleiten, fertig.
Sebastian behauptete vor sich und anderen, diese Kontaktmagazine für seine Arbeit zu benötigen, denn er wolle einen Überblick über den Markt behalten. Offiziell interessierte es ihn, welche Professionelle unter „privat“ inserierte und welche Private eventuell für eine Anzeige im Internet geworben werden könnte. Die verklebten Seiten mit den großformatigen Bildern erzählten allerdings eine etwas andere Geschichte von Sebastians Lektüre.
Karin hatte ihr Telefonat beendet und wollte wissen, was Sebastian vorhatte.
„Ich ziehe um.“
„Wohin denn?“
„Ich lege den Betriebsrats-Fuzzies das Handwerk.“
„Warum denn das?“
„Weil die mit ihrem Scheiß unsere Arbeitsplätze gefährden. Oder willst du morgen auf der Straße sitzen? Roland verkauft die Firma, wenn es hier einen Betriebsrat gibt.“
„Ach komm! Das ist nicht dein Ernst. Seit ich hier arbeite wurde die Firma schon zig Mal verkauft. Das ist doch nur Gelaber.“
„Dieses Mal ist es anders. Es gibt schon einen Interessenten aus Übersee.“
„Und wer soll das sein?“ Karin tippte auf ihrer Tastatur.
„Keine Ahnung. Ein Hedge-Fonds oder sowas. Der will drei Viertel der Leute entlassen.“
„Das denkst du dir doch bloß aus.“ Karin tippte weiter.
„Nein! Frag Roland. Dem ist es total ernst. Wenn es hier einen Betriebsrat gibt, verkauft er und zieht sich zurück. Genug Kohle hat er ja. Er macht das alles nur für uns. Er selbst hat es gar nicht nötig zu arbeiten.“
„Und das glaubst du?“ Karin tippte vor sich hin.
„Klar! Der Betriebsrat muss verhindert werden. Sonst werden wir alle arbeitslos. Ich muss gehen. Bis später.“
„Bis später“, sagte Karin und drückte die Eingabetaste auf ihrem PC. Damit war die gesamte Information, die ihr Sebastian eben gegeben hatte, sowohl an einen der Betriebsrats-Fuzzies als auch an zahlreiche weitere Kollegen gestreut, denn Karin hatte während des Gesprächs eine Email verfasst. Im Wesentlichen stimmte die Information, die sie weitergab. Lediglich war aus dem Interessenten aus Übersee ein chinesischer Investor geworden, da Karin auf die Schnelle nicht wusste, wie man Hedge-Fonds schreibt.